
Guter Jahresstart: Sartorius wächst und investiert weiter in seine industrielle Basis
Der Göttinger Life-Science-Konzern Sartorius AG ist mit Rückenwind ins Jahr 2026 gestartet. Im ersten Quartal legte der Umsatz währungsbereinigt um 7,5 Prozent auf 899 Mio. Euro zu, getragen vor allem vom stabilen Geschäft mit Verbrauchsmaterialien. Die operative Marge blieb mit knapp 30 Prozent bemerkenswert robust – trotz geopolitischer Unsicherheiten und zunehmender Zollbelastungen.
Getrieben wird die positive Entwicklung beim Sartorius-Konzern vor allem von der Sparte Bioprocess Solutions, die Technologien für die Herstellung von Biopharmazeutika liefert und mehr als drei Viertel zum Konzernumsatz beiträgt. Hier zeigt sich ein struktureller Trend: Während das Projektgeschäft mit Anlagen weiterhin schwankt, sorgt das wiederkehrende Consumables-Geschäft für Stabilität. Parallel gewinnt die Laborsparte nach einer schwächeren Phase wieder an Dynamik.
Auch auf Ebene der börsennotierten Tochter Sartorius Stedim Biotech bestätigt sich dieses Bild. Das Unternehmen meldet ein Umsatzplus von knapp acht Prozent (währungsbereinigt) bei nun 762 Mio. Euro und verweist auf die wachsende Nachfrage nach effizienten Produktionslösungen für komplexe Biologika. Der Sartorius Konzern ist mit etwa 71,5 % an der börsennotierten Tochter beteiligt, deren eigenständiges Zahlenwerk im Konzernabschluss konsolidiert ist. Neue Plattformen wie die automatisierte Zelltherapie-Produktion sollen genau hier ansetzen: mehr Output bei geringeren Kosten und kürzeren Entwicklungszeiten. Die südfranzösische Tochter wird in Personalunion durch CEO René Faber geführt, der zugleich im Vorstand des Sartorius-Konzerns sitzt und dort die Hauptsparte Bioprocess Solutions verantwortet. Er hat eine über zwanzigjährige Karriere bei Sartorius durchlaufen und dabei auf verschiedenen Stationen das Traditionsunternehmen gründlichst von innen kennengelernt.
Göttingen als industrieller Anker
Wie zentral die Produktionsbasis für die Strategie ist, zeigt sich am Stammsitz in Göttingen. Dort wird der Spagat zwischen Hightech-Entwicklung und industrieller Skalierung greifbar: moderne Fertigungslinien, wachsender Personalbestand und kontinuierliche Investitionen in Kapazitäten prägen das Bild. Auffällig ist die hohe Integration von Entwicklung, Produktion und Qualitätssicherung – ein entscheidender Faktor in einer Branche, in der regulatorische Anforderungen und Prozessstabilität über den Markterfolg entscheiden.
Dabei wird auf dem neuen Wissenschaftscampus am Stadtrand der Ursprung und die traditionelle Fertigung von Membranen für Filter hochgehalten. Diese Grundlage für die Anreicherung, aber auch Reinheit von Proben und Produktionsschritten belegt relativ viel Platz auf dem Göttinger Campus und wird vor allzu neugierigen Blicken abgeschirmt. So darf man zwar als Besucher über einige Gucklöcher auf die sich in langen Bahnen abspulenden Membranen blicken (was ein wenig an die großen Papierrollen in Druckereien erinnert), doch das Fotografieren ist strikt verboten, wenn diese Membranen in mehreren Schritten gewaschen und in einem weiteren Prozessschritt auch für diverse spezifische Anwendungen speziell modifiziert werden. Nicht nur die Varianz der Porengröße macht damit „etwas“ mit der Flüssigkeit und den darin schwimmenden Bestandteilen. Man kann durch bestimmte chemische Modifikation auch die gezielte Anreicherung oder auch den Ausschluss von unerwünschten Partikeln verstärken.
Gleichzeitig spiegelt der Standort die Transformation der Branche wider: weg vom klassischen Anlagenbau, hin zu modularen, datengetriebenen Produktionslösungen. Automatisierung und standardisierte Plattformen – etwa für Zell- und Gentherapien – werden zunehmend zum Differenzierungsmerkmal. In der Wunschvorstellung des Unternehmens kann sich ein Kunde mit allen notwendigen Gerätschaften und dem Equipement von Grund auf bei Sartorius eindecken und damit seine wissenschaftliche Entwicklung bis hin zur Produktion aus einer Hand darstellen. In der Laborrealität ist dies höchst selten der Fall. Die Kunst ist, mit zumindest einem Gerät aus dem Sartorius-Fuhrpark in den wichtigsten Referenzlaboren der Welt vertreten zu sein, über den Qualitätsnachweis auch für weitere Anforderungen ausgewählt zu werden sowie auch Generationen von Forschern als Botschafter der eigenen Markenwelt zu gewinnen.
„Wir investieren mit Mut vor dem Bedarf.“ Dr. Michael Grosse, Vorstandsvorsitzender Sartorius AG
Wachstum mit Unsicherheiten
Trotz des soliden Starts bleibt das Umfeld anspruchsvoll. Sartorius bestätigt zwar seine Jahresprognose mit einem erwarteten Umsatzwachstum von fünf bis neun Prozent und einer weiter steigenden Marge. Doch der Vorstandsvorsitzende Michael Grosse hat bereits bei mehreren Gelegenheiten in den vergangen Wochen immer wieder betont, dass das vergangene und das laufende Jahr als eine Übergangsphase für den Konzern betrachtet werden muss. Dabei schwingt die Hoffnung auf Stabilisierung oder auch deutlichen Zuwachs auf der Nachfrageseite mit. Doch Hoffnung alleine trägt nur ein Stück weit. So werde zugleich auf Sicht gefahren: Handelskonflikte, volatile Investitionszyklen und geopolitische Spannungen sorgen weiterhin für Unsicherheit. Der grundlegende Treiber aus der Pharmaindustrie bleibt jedoch intakt: Die wachsende Zahl neuer Wirkstoffe und Therapieformen erhöht den Bedarf an effizienten Produktionslösungen.
Der Sartorius-Vorstand analysiert daher sehr genau, wo die Kundschaft gerade unterwegs ist und welcher zukünftige Bedarf sich daraus mittelfristig ableiten lässt. Die zahlreichen neuen und sehr unterschiedlichen Molekülformate sowie biochemische oder zelluläre Grundbausteine eines Wirkstoffes erfordern spezifische Produktionsprozesse für die präklinische und klinische Entwicklung, aber nach einer Marktzulassung auch für die kommerzielle Anwendung. Da die Patentklippe die Pharmaumsätze der großen Player bedroht, ist dort bereits eine stärkere Akquisitionswelle zu beobachten, die gerade noch in kleinen Start-ups angesiedelte Innovationen mit größerer Geschwindigkeit in die klinische Entwicklung und zur Marktnähe tragen wird. Dabei steht in den Gesundheitssystemen der Welt nicht mehr scheinbar unbegrenzt Geld für neue Therapeutika zur Verfügung. Genau hier positioniert sich Sartorius – als Ausrüster einer Industrie, die schneller, flexibler und kosteneffizienter werden muss. Mit dem Ziel, an allen Wertschöpfungsstufen in der Entwicklungskette der Biopharmazie mit Geräten, Hilfsmitteln oder der Problemlösungskompetenz als bevorzugter Partner einbezogen zu sein, zu bleiben oder es zu werden.
Kein Museum: Tradition muss sich im Wandel als relevant beweisen
Die Kundschaft verbreitert sich und fächert sich auch immer mehr auf zwischen groß, mittel und kleinerem Start-up. Der Kostendruck zwingt zu Automatisierungslösungen und stabilen, validierten und standardisierten Prozessen. Tradition liefert dazu ein Fundament, doch wer die Zukunft nicht auch mitgestaltet oder sie sogar verschläft, wird in ihr keine Rolle mehr spielen und höchstens noch ein Industriemuseum eröffnen. Das hat Sartorius schon lange verstanden, die traditionellen Membranen sind kein Relikt aus alten Tagen und heute etwa nicht mehr zeitgemäß, sondern weiterhin ein solider, über die Jahre sich verwandelnder Grundstock, der Anpassungsfähigkeit schon bewiesen hat und dafür weiter eine wichtige Rolle in der Prozesskette der Entwicklung von Biopharmazeutika spielen darf. Mit den dazugekommenen Bausteinen der Gerätschaften, des Bereiches Single-use-Produktion und nun auch eines eigenen Zelltherapie-Automaten ist Sartorius am Puls des Kunden, oder wie Dr. Michael Grosse im Pressegespräch sagte: „Wir investieren mit Mut vor dem Bedarf. Damit sind wir auch global so aufgestellt, dass wir in relevanten Regionen auf die Zukunft vorbereitet sind.“

Evonik Industries AG
BIOTECH AUSTRIA / Alexander Felten
PK Fotografie